Hier ist der sanfte Winkel ihres Wangenknochens. Hier ist ihre Nase. Hier ist der Abdruck einer Eidechse. Hier bin ich, schlafend, schimmernd, in der Ecke. Hier ist ihr Kopf auf deinem Bauch. Hier ist Mama, die dich daran erinnert, wie groß du bist. Hier bist du allein. Hier ist der Sekundenzeiger. Hier ist ein Frosch, eingefroren im Eis einer Waldpfütze. Hier ist genau das. Hier ist ein Würfel in ihrer Nasenspitze.
Viktor Melameds neues Buch ist eine textuelle Erkundung des Chaos, eine Kristallisation der Zeit und die Suche nach „dem Einen“. Strukturiert wie ein entropischer Fluss, umhüllt der Text die Lesenden und entführt sie in Kindheit, Erinnerung und Zukunft. Melamed verleiht einer Person Stimme, Gestalt und Charakter, deren Name hier nicht genannt werden darf: Das wäre ein Spoiler und ein Hinweis auf die Haupthandlung. Ein aufmerksamer Leser wird jedoch schon auf den ersten Seiten verstehen, worum es geht. Wir sind es gewohnt, sie als passives Element des Lebens und Denkens zu betrachten, doch hier ist sie eine aggressive, toxische und despotische Mitbewohnerin, die sich in alles einmischt, von Sex bis Geopolitik; sie lügt, tröstet, manipuliert und quält. Melamed schreibt wie ein Maler: leicht, prägnant und kraftvoll, wechselt Register, Tempo und Perspektive. Dies ist ein Text, den man in einer Stunde lesen und sofort wieder von vorne beginnen kann.
Viktor Melamed ist Künstler, Illustrator, Schriftsteller, Übersetzer und Musiker. Als Illustrator arbeitete er unter anderem für The New Yorker und Rolling Stone. Er ist Autor von „The Machinery of Portraiture: The Experience of a Viewer, Teacher, and Artist“ und „The Diagonal Frog: Metaphor in Creativity and Self-Education“. Sein erster Roman „Pgt Dixon“ stand auf der Shortlist für den Dar Prize 2025.
